„Wenn du dein Selbstbild änderst, ändert sich dein ganzes Leben, und dann ändert sich auch die Kleidung.“
Lucia Faust


Lucia und ihr Herzensprojekt „Silk of Soul"

„Jede Frau ist meine Hauptdarstellerin“



Interview Teil 2

Lucia, kommen wir zu einem neuen Kapitel in deinem Leben. Was ist passiert, dass du seit 2024 die Erfahrungen aus deinem Beruf nutzt, der Frau von nebenan dabei zu helfen, ihre „Silk of Soul" zu entdecken?

Ein Designer hat mal geschrieben: „Willst du Gott treffen, musst du Seide tragen." Die Feinheit von Seide und ihre unfassbare Vielseitigkeit, ihre Kostbarkeit — das alles stand für mich plötzlich im Zusammenhang mit der Seele, und der Name „Silk of Soul" war im Raum. Ich dachte, ah, das sind die Initialen von SOS. Aber es soll gar kein Notfall-Programm sein.
Ein Auslöser ist sicherlich auch, dass ich in diesen 30 Jahren als Kostümbildnerin immer wieder miterlebt habe, dass Schauspieler und Schauspielerinnen mit voller Begeisterung in ihre Rolle gehen: Sie wollen alles wissen, bis ins Kleinste, dieses „Wer bin ich?". Gute Schauspieler gehen „all in" – und nicht nur die Hauptrollen, das ist mir wichtig, dass man das mit jeder Rolle macht. Sie ziehen sich sozusagen die neue Rolle an.
Mein Kostümraum ist ein Atelier, weil es diese Kreativität zulässt. Es ist ein Verwandlungsraum, klar, weil Transformation stattfindet: Es geht jemand anders raus, als er reingekommen ist, weil das einfach Sinn der Sache ist. Die ganze Welt spricht von Transformation; vor meinen Augen findet sie seit 30 Jahren täglich bei jeder Rolle, bei jedem Kostüm statt. Es ist aber auch ein Raum der Ruhe, um sich zu sehen, um zu merken, wow, das bin ich. Und das sind alles Dinge, die jeder Mensch — ich biete „Silk of Soul" erst einmal für Frauen an — in seinem eigenen Leben machen darf und kann.
Mein Kostümraum ist ein Raum, in dem wir uns alles erlauben dürfen, wir dürfen spielen, wie wir als Kinder waren. Wir haben nicht gefragt: „Bin ich gut genug als Pirat? Kann ich das? Bin ich schön genug als Prinzessin?" Nein. Wenn wir Prinzessin gespielt haben, waren wir Prinzessin, ohne Zweifel, ohne Angst. Ich bin so dankbar dafür, dass ich mir das in meinem Beruf mit den Schauspielern erlaube. Es kommt natürlich eine ganz andere Kreativität zustande, als wenn man im Privatleben vielleicht in der Energie des Überlebens ist; dann geht die Aufmerksamkeit in die Angst, dann spiele ich das Spiel des Mangels und kann nicht kreativ sein, kann nicht sein, was ich sein möchte.
Doch was passiert abends, wenn die Schauspieler die Kostüme ausziehen und in ihr eigenes Leben gehen? Wer von uns allen geht mit dieser Begeisterung, mit denen die Schauspieler in ihre Rollen gehen, in sein eigenes Leben? Manche machen das ein paar Tage im Jahr im Karneval. Das habe ich noch nie verstanden, weil ich immer gedacht habe: Aber wieso denn nur diese paar Tage?

René Magrittes Gemälde „La Philosophie dans le boudoir“

Du willst den Frauen also ermöglichen, jeden Tag ihr Leben mit Begeisterung leben zu können. Und dabei ist die Kleidung ein wichtiges Tool, wie für die Schauspieler?

Ich möchte den Frauen erst einmal überhaupt diesen Raum öffnen und sie auffordern: Erlaubt euch alles, ohne es gleich wieder kleinzureden und vielleicht zu denken: „Das kann ich in meinem Beruf nicht anziehen." Nein, wer sagt das? Und dann zu schauen: sind das alte Glaubensmuster, alte Konditionierungen, die ich irgendwann abgekauft habe?
Es fängt schon damit an zu sagen: „In den Laden gehe ich nicht." Da kommt ganz oft: „Da habe ich nicht Geld genug, da fühle ich mich nicht gut, da gehöre ich nicht dazu." Das mag sein. Aber ausprobieren kostet nichts. Du wolltest schon immer mal ein Kleid von Chanel? Du darfst einfach da reingehen, es anziehen und einfach mal erleben, wie sich das anfühlt! Du darfst dir die Version, die du gern sein möchtest, schon mal anziehen. Es heißt ja: „Du bekommst nicht das, was du dir wünschst, sondern das, was du bist!" Wenn es ums Manifestieren geht, ist Kleidung ein tolles Tool!
So viele Menschen verändern sich gerade und fühlen, was ich da anziehe — auch im übertragenen Sinne — das ist mein altes Ich, das passt gar nicht mehr zu meiner Entwicklung, also das Außen passt gar nicht mehr zu meinem Innen. Das heißt nicht: „Gehe los, kompensiere, kauf alles neu!" Es ist die individuelle Kombination, die die Kleidung einzigartig macht, wie beim Film. Nur du kombinierst es so, wie du es kombinierst, und nur du bewegst dich in Kleidung so, wie du dich bewegst.

Was erwartet mich noch, wenn ich dich engagiere? Wie näherst du dich meinem inneren Kleiderschrank?

Es sind sehr unterschiedliche Frauen, die ich begleite. Es gibt tatsächlich Frauen, die gerade ein Unternehmen aufbauen und merken: „Das stimmt alles gar nicht mehr. Ich möchte ein ganz neues Outfit." Da gibt es Calls vorher, und es gibt dann ein Treffen, wo es primär darum geht: „Ich möchte das jetzt verkörpern. Ich möchte einen anderen Look haben." Mit ihnen arbeite ich wie mit Schauspielern auch. Und dann gehe ich mit ihnen einkaufen.
Aber wie gesagt, es bringt nichts, nur loszugehen und dir Neues zu kaufen. Und nach zwei Wochen super Selbstbewusstsein brauchst du wieder einen Kick von außen, weil das nicht von innen heraus gelebt wird. Mein Interesse ist es, dass du dir das dauerhaft selbst geben kannst und auch fühlst.
Es fängt immer mit Selbstliebe an, und es fängt mit Selbstwert an!
Es geht immer um die Verbindung zu dir selbst, mit dieser Liebe in dir. Wie sieht dein Verhältnis zu dir selbst aus? Das ist die wirkliche Transformation, die dann stattfinden kann, damit sich dauerhaft etwas ändert. Und dabei begleite ich dich.

Das hört sich fast an, als würde ich bei dir auf die Couch gehen. Aber wie näherst du dich ganz konkret meinem inneren Kleiderschrank?

Natürlich ist das eine Kombination: Als Kostümbildnerin bin ich Übersetzerin aller Gefühle. Meine Arbeit ist eine sehr intuitive. Und da kommt jetzt tatsächlich das Mediale hinzu: Ich bin dir ein klarer Spiegel. Wenn nichts im Raum ist, gibt es aber im Kostümraum immer einen Spiegel, und davor findet ein großer Teil meiner Arbeit mit den Schauspielern statt. Wir haben also einmal dieses Möbelstück Spiegel, und in dem Moment unserer Zusammenarbeit bin ich für die Frauen der Spiegel.

Selten bis nie habe ich erlebt, dass jemand sich vor den Spiegel stellt und sagt: „Wow, bin ich schön."

Das geht auch Menschen so, die sich schön finden, die sich lieben. Es wird immer auf das geguckt — und sei es noch so klein —, das man nicht an sich mag. Bei meiner Arbeit geht es erst mal darum, sich so anzunehmen, wie man in diesem Augenblick ist. Wertfrei, ohne Kritik. Du kannst alles ändern, aber die Verbindung kommt erst, indem du dich so annimmst, wie du bist. Und das ist natürlich das, was ich mit jeder Filmfigur mache. Als Spiegel schlüpfe ich in jede rein und bin die Wertfreie. Ich sage nicht: „Was ist das für ein schrecklicher Mensch, warum ist der so?" Ich nähere mich jeder Figur immer mit bedingungsloser Liebe, weil ich sonst nicht nachvollziehen kann, wieso die so ist, wie sie ist. Ich urteile nicht.
Und ich glaube, das spüren die Frauen auch, die ich jetzt begleite. Jede ist für mich meine Hauptdarstellerin. Es geht um die Essenz einer jeden Frau und die Frage, was sich darüber gelagert hat. Ich liebe es, für die Frauen der Spiegel zu sein, ihre eigene Schönheit zu erkennen, so dass sie wieder mit leuchtenden Augen auf sich selbst schauen und ihre eigene Schönheit sehen.

Würde es auch gelingen, wenn ich in mir mein Idol zum Schwingen bringen möchte? Sagen wir, ich wäre klein, blond und spindeldürr, mein Idol ist aber Sophia Loren. Sie ist groß, sie ist kurvenreich, sie ist dunkelhaarig, und sie ist wunderschön. Was kann mir helfen zu sehen, auch ich bin eine tolle Frau, auch in mir steckt was von der Loren?

Da geht es erstmal darum zu erkennen, dass jeder dein Spiegel ist. Alles, was du siehst in Schauspielern, Musikern, in irgendeinem Menschen, den du toll findest, das siehst du nur, weil es ein Teil von dir ist, weil es auch in dir existiert. Sonst würdest du gar nicht in Resonanz gehen. Die Frage ist: Was zieht dich wirklich so magisch an? Ist es das Äußere von Sophia Loren oder die Energie dahinter, ihre Ausstrahlung, ihre Weiblichkeit, ihre Erotik? Wie kann ich diese Energie für mich übersetzen, damit ich mich so weiblich fühle? Wie mache ich das mit dem Körper, den ich hier in dieser Inkarnation zur Verfügung habe, ohne dass ich jetzt viel essen und mir die Haare färben muss? Die Frage ist: Wie strahlt diese Energie aus mir heraus?
Dabei hilft die neue Kleidung, aber vor allem das neue Selbstbild. Wir sind alle Schöpfer unseres eigenen Bildes. Wir haben uns alle ein eigenes Bild von uns gemacht, ob es stimmt oder nicht, ob es überhaupt unser eigenes ist oder wir es einfach übernommen haben von unseren Eltern, Lehrern, wem auch immer. Darum geht es bei meiner Begleitung auch: Warum hast du dieses Selbstbild von dir? Und: jedes Selbstbild lässt sich ändern. Man kann es in einem Satz sagen: „Wenn du dein Selbstbild änderst, ändert sich dein ganzes Leben, und dann ändert sich auch die Kleidung."

Hast du ein Beispiel, wie sich der Kleiderschrank einer Klientin verändert hat?

Das geht von: „Ich schmeiß alles raus, weil nichts mehr stimmt, auch diese ganzen Erinnerungen nicht!" über „Ich habe jetzt eine andere Figur oder ich verdiene jetzt mehr Geld." bis hin zu „Ich möchte eigentlich nur neue Impulse setzen."
Unsere Kleidung ist erst mal neutral. Das ist eine Hose, und das ist ein Oberteil. Aber das, was wir als Intention drauflegen, das, was wir damit verbinden, weil wir vielleicht damit die schönste Liebesbeziehung hatten, steckt auch in dieser Kleidung.
Dann kann uns Kleidung Sicherheit geben. Wir greifen stets auf die paar Kombinationen zurück, die uns bei jeder Gelegenheit sicher durch die letzten zehn Jahre gebracht haben. Aber sich dann einfach mal zu trauen anders zu kombinieren, wie man es früher gemacht hat, spielerischer! Beim Film überlegen wir oft Stunden: Machen wir noch einen Knopf mehr auf oder zu, weil das was anderes aussagt.
Oder traue ich mich wirklich mal in das Geschäft? Wenn ich als Kostümbildnerin für den Film arbeite, muss ich überall hin, auch dorthin, wo ich im Privatleben nicht unterwegs bin. Dann gehe ich vielleicht zu Prada, in einen Pornoladen oder zu KiK. Die Herausforderung für viele Frauen ist es, sich überall bewusst zu werden: Du bist immer genug. Du bist immer richtig. Du bist immer das Wertvollste in deinem Leben. Nur du entscheidest, wieviel wert du bist, nicht das Außen, nicht die Gesellschaft.
Die meisten Frauen sind tatsächlich dankbar für Begleitung, gemeinsam hinzuschauen und das auch wieder zu fühlen. Theoretisch wissen sie das schon und sagen sich das vielleicht auch in Affirmationen oder haben das gelernt, weil sie Retreats gemacht haben. Ich möchte aber, dass sie das tatsächlich wieder fühlen. Ihren Wert. Ihre bedingungslose Liebe zu sich selbst. Wenn du das fühlst, diese Liebe für dich, dann hast du das als Referenz-Erfahrung in dir und kannst es immer wieder abrufen. Meine Arbeit findet im Herzraum statt. Und für mich ist es das Schönste, wenn ich spüre, jetzt trifft sie ihre eigene Seele. Jetzt hat sie ihr Seelenkleid gefunden.

Lucias Web-Site: www.clothes-up.de
Lucia auf Instagram: Silk-of-Soul.byluciafaust

Hier geht´s zu Teil 3 des Interviews