René Magritte, Das ist kein Apfel, 1964
Das Interview mit Lucia, der Kostümbildnerin, ist mir unter die Haut gegangen. Ihr radikaler und befreiender Umgang mit dem Thema Schuld nach ihrer persönlichen Ahr-Katastrophe in dem Dorf „Schuld" hat mich an meinen eigenen Kaninchenbau erinnert, aus dem ich mich erst nach meinen ersten beiden Seelenreisen befreien konnte. Doch dazu später.
Drama, Anklage, Verbitterung auf der einen Seite, Verzeihen und innere Befreiung auf der anderen — all das hat mit dem Thema Schuld zu tun und wurde mir noch einmal so richtig beim Bearbeiten unseres Gesprächs für die „Herzensprojekte" bewusst.
Das Wort „Vergebung" das schreibt sich so leicht dahin. Bei mir war es ein langer Prozess, bis ich fühlen konnte, wie befreiend ein „Ich vergebe dir" und vor allem ein „Ich vergebe mir" sein kann und wie schön es mein Leben verändert.
Stolz, ein untaugliches Werkzeug
Früher war ich sehr stolz auf meinen Stolz! Nach meinen unglücklich endenden Lovestorys strich ich die Herren stets komplett aus meinem Leben; es war so, als hätten sie nie existiert. Das fand ich total cool, und — es war ein großer Irrtum: Sie bekamen mich zwar niemals mehr zu Gesicht, aber ich habe mich mit ihnen noch lange beschäftigt. Meine vermeintlich wirkungsvolle Rache richtete sich gegen mich selbst in Gestalt eines Gedankengefängnisses — gespeist von Anklage und Selbstmitleid.
Erst die Geschichte, die mir eine Freundin vor 25 Jahren erzählte, brachte mich ins Grübeln darüber, dass Stolz vielleicht doch nicht das beste Mittel wäre, mit Liebeskummer umzugehen:
Ihr Mann hatte sich in eine andere Frau verliebt und war ausgezogen. Ihre täglichen Wald-Spaziergänge nach der Arbeit brachten etwas Trost. An einem dieser Abende widerfuhr ihr die Gnade einer tief empfundenen Erkenntnis: „Wer sagt eigentlich, dass ich mir die Liebe zu diesem Mann aus dem Herzen reißen muss; ich darf ihn einfach weiterlieben." — Die beiden verbindet seitdem eine kostbare Freundschaft.
Aufstellungen, ein sehr taugliches Werkzeug
Den zweiten Meilenstein auf meinem Weg zur Einsicht erreichte ich mit der systemischen Aufstellungs-Arbeit: Ob es um Kind-Eltern-Beziehungen, Mann-Frau-Beziehungen oder Chef-Mitarbeiter-Beziehungen geht, in den meisten Fällen wächst das Verständnis für eine Tat, ein Verhalten, einen Streit, wenn man sieht, mit welchen Problemen sich der vermeintliche Kontrahent herumschlägt, auf dem nicht selten sogar die Taten oder erlittenes Unrecht einiger Ahnen-Generationen lasten. Bei der Aufstellungsarbeit geht es übrigens nie um Schuld, sondern um Wahrnehmen und Verantwortung.
Die erlösende Gewissheit, dass es „die" Schuld gar nicht gibt, und wir (trotzdem) alles verzeihen sollten, stellte sich ein, als ich mich zum erstenmal an das Trance- und Channel-Medium Susana wandte. Mein Problem damals hatte zu meiner Überraschung auch mit einem Mann zu tun, der seit zehn Jahren für mich Geschichte war. Allerdings hatte meine fatale Begegnung mit ihm die sogenannte „schwarze Nacht der Seele" ausgelöst; ich hatte noch nie so gelitten. Und plötzlich erschien er wieder in meinen Träumen.
Reise in ein anderes Leben
Susana ging für mich auf Seelenreise und stellte schnell fest, dass es nicht mit einer getan war: Sie stand vor zwei Türen, und hinter jeder warteten Szenen aus jeweils einem meiner früheren Leben. Rückschau Nummer eins, so denke ich heute, hat mir eine Lektion erteilen müssen, um mit den folgenden fertig zu werden.
Die erste Seelenreise beginnt sehr schön. Das Setting: ein Dorf vor ein paar Jahrhunderten in Frankreich. Ich, eine attraktive, junge, eher arme Frau, bin glücklich verliebt in Maurice. Während meine Eltern diese Liebe billigen, warnt der Vater meines Liebsten: „Diese Frau habe ich nicht für dich ausgesucht, wenn du sie heiratest, bringe ich dich um."
Mord und Totschlag und ein Schwur
Und tatsächlich, er lässt seinen Drohungen irgendwann Taten folgen. Ich verschone euch mit dieser grausamen Szene. Nur soviel: Seine Rache macht nicht vor Maurice halt. Im Laufe der folgenden Monate, getränkt von Intrigen, kommen meine Eltern und auch ich ums Leben. Ich werde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zuvor leiste ich noch einen Schwur, der mich bis in mein heutiges Leben binden sollte.
Ich konnte einfach nicht vergeben
Der wichtigste Teil der Seelenreisen spielt sich im „Garten der Begegnungen" ab. Man könnte ihn auch „Garten der Vergebung" nennen. Zusammen mit deinem Seelenführer oder einer anderen geistigen Wesenheit triffst du dort nach der Reise noch einmal die Seelen, mit denen eine Vergebung aussteht. Vor mir erscheint Maurice's Vater, aber ich kann den Satz „Ich vergebe dir" nicht über die Lippen bringen. Schließlich greift mein Seelenführer ein, führt mich zu einem Brunnen und bittet mich, auf das Wasser zu schauen.
Wir sind alle Opfer — und Täter
Vor mir entfaltet sich ein Film aus einem weiteren Leben: Ich bin Mitglied einer Räuberbande und habe den Auftrag zu morden. Meine Opfer in dieser Szene: eine Mutter und ihre beiden Kinder, die ich vor ihren Augen töte. Und diese Frau ist in meinem Leben in Frankreich Maurice's Vater. Nach dieser verstörenden Rückschau gehen mir die Worte „Ich vergebe dir" sehr leicht über die Lippen. Und auch der Satz „Ich vergebe mir", den man dort ausspricht, ergibt für mich seitdem noch einmal einen ganz anderen Sinn!
Weiberheld in Italien
Nach diesen ergreifenden Szenen folgt die zweite Seelenreise. Und erneut bin ich Täter: ein Weiberheld in Italien. Als Schreiner arbeite ich in der Werkstatt meines Vaters. Irgendwann nehme ich mir seinen Rat zu Herzen und mache einer „anständigen" Frau den Hof. Um auch sie rumzukriegen, verspreche ich ihr die Ehe. Als sie schwanger wird und der Tag der Hochzeit naht, kann ich den Gedanken an das unausweichliche Ehegefängnis nicht mehr ertragen. Ich verlasse den Ort Knall auf Fall und kehre nie wieder zurück. Mein Vater kümmert sich Zeit seines Lebens um die Unglückliche und sein Enkelkind.
Auch ich kaufe das Thema Schuld nicht mehr
Im „Garten der Begegnungen" vergeben wir uns, und es stellt sich heraus, dass beide, Vater und Geliebte, in meinem aktuellen Leben eine Rolle spiel(t)en.
Ihr ahnt es, oder? Die Frau, der ich so viel Kummer bereitete, ist heute der Mann, der in meinen Träumen herumgeisterte. Seine Seele wollte Rache für damals, erklärte mir Susana. Und über die Rache zur Vergebung? Wer weiß, das Ergebnis zählt: Ich habe meinen Frieden mit ihm gemacht.
Liebe Lucia, Schwester im Geiste, auch ich „kaufe" das Thema Schuld nicht mehr!
PS.: Von ihm habe ich seitdem nie wieder geträumt. Und Lucia ist gerade aus Schuld fortgezogen.